4 Tage, 4 Minuten: Langzeitbelichtungen in Venedig Tipps & Tricks
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4 Tage, 4 Minuten: Langzeitbelichtungen in Venedig

Wilde, weite Landschaften lassen sich in Mitteleuropa zwar finden, wenn du ein wenig danach suchst, aber dennoch: dieser Teil des Kontinents ist dicht besiedelt und auch zersiedelt. Selbst in den Alpen ist die nächste Hütte oder sogar das nächste Dorf in Wahrheit nie sehr weit entfernt. Städte, Siedlungen und menschliche Architektur ganz allgemein prägen das Landschaftsbild in Europa – auch wenn wir Natur- und Landschaftsfotografen oft genug versuchen, die Illusion der unberührten Natur aufrechtzuerhalten. Ich wollte versuchen meinen fotografischen Horizont zu erweitern und habe mir dafür eine Stadtlandschaft gesucht, die schöner nicht sein könnte: Venedig. Und wo es so viel Wasser gibt, sind Langzeitbelichtungen nicht fern.

Ein fotografisches Wunder: Langzeitbelichtungen

Unsere Augen sind (in Kombination mit unserem Gehirn) Kameras in vielen Punkten überlegen. Wir können mit einem ziemlich großen Dynamikumfang umgehen und immer noch Details in den Schatten und hellen Bildbereichen erkennen. Wir blenden unwichtige Details einfach aus, um wichtiges herauszufiltern und verlassen uns alles in allem sehr stark auf unseren Sehsinn. Aber es gibt zumindest eine Sache, die bekommt unsere Wahrnehmung einfach nicht hin: Bewegung nicht als Aneinanderreihung von Einzelbildern sondern als einen „kontinuierlichen Fluss“ darzustellen (sorry… irgendwie finde ich keine bessere Beschreibung!). Bewegungen verwischen für uns nicht.

Als ich angefangen habe, mich ernsthaft mit Fotografie zu beschäftigen, stand neben meiner allgemeinen Begeisterung für die Natur ein zweiter großer Wunsch: „ich möchte es können, dass Wasser in meinen Bildern auch so hübsch fließt“. Mittlerweile kann ich das und meine Begeisterung für Langzeitbelichtungen ist nach wie vor ungebrochen.

Ab wann von Langzeitbelichtungen gesprochen wird, ist ziemlich subjektiv und es gibt da keine harte Grenze. Ich spreche bei meinen Bildern ab einer Belichtungszeit von circa 0,5s bis 1s von Langzeitbelichtungen. Nach oben hin gibt es da natürlich keine Grenze, wobei extrem lange Belichtungszeiten oft keinen großen Mehrwert fürs Foto bringen. Es kommt immer ganz drauf an, welchen Effekt du erzielen möchtest.

  • Bei (schnell) fließendem Wasser genügt meist schon eine Belichtungszeit von 0,5s bis 2s. Dann geht die Struktur nicht komplett verloren und es ergibt sich eine schöne Dynamik.
  • Belichtest du Wasser länger, dann wird es sehr „weich“ und verliert jede Struktur. Möchtest du eine sehr glatte Wasseroberfläche erreichen, bewegst du dich dann schon im Bereich von mehreren Minuten Belichtungszeit. Bei Bächen empfinde ich das oftmals als etwas fad, weil irgendwie die Spannung verloren geht. Bei größeren Wasserflächen (Seen, Meer, manchmal auch breite Flüsse), eventuell sogar in Verbindung mit einer Spiegelung, ist das jedoch ganz oft das, was ich erreichen möchte.
  • Ob ein Foto 10 Minuten oder 20 Minuten belichtet wurde, merkst du alleine am Wasser irgendwann nicht mehr. In diesem Fall kannst du dir die zusätzlichen 10 Minuten Belichtungszeit sparen und vielleicht eher ein zweites Motiv ablichten.

Neutraldichtefilter

So lange Belichtungszeiten erreichst du ohne „Hilfsmittel“ meist nicht. Selbst zu Sonnenaufgang oder -untergang genügen oft schon 10-20s für ein korrekt belichtetes Bild. Untertags sprechen wir eher von hundertstel Sekunden, also weit entfernt von jeder Art von Langzeitbelichtungen. Das „Hilfsmittel“ der Wahl sind dann sogenannte Neutraldichtefilter (ND-Filter), auch Graufilter genannt. Eine andere Option wäre z.B. die Blende extrem weit zu schließen (f16 bis f22), dann fällt weniger Licht auf den Sensor und du kannst länger belichten. Aber die Bildqualität leidet darunter und (sehr) lange Belichtungszeiten erreichst du damit auch nicht. Diese Möglichkeit würde ich also von Anfang an ausschließen.

Ein Graufilter ist nichts anderes als eine dunkel gefärbte Glasplatte (es gibt auch welche aus Kunststoffen, ich empfehle aber unbedingt Glasfilter zu verwenden), die Licht schluckt. Die Filter gibt es in unterschiedlichen Stärken, je nachdem wie viel Licht absorbiert wird. Oftmals wird ein Dreierpaket aus ND0.9, ND1.8 und ND3 verwendet.

Neutraldichte NDVerlängerungsfaktorBlendenstufenLichtdurchlässigkeit in %
0.98312,5
1.86461,5
31000100,1

Mit diesen drei Filtern deckst du einen großen Bereich ab und hast viele Möglichkeiten, dich fotografisches auszutoben. Natürlich gibt es aber auch noch schwächere und stärkere ND-Filter.

Aber was bedeutet das ganze nun? Hierzu machen wir am besten ein Beispiel, sagen wir die laut Lichtwaage bzw. Histogramm korrekte Belichtungszeit für den Bild ist 1/10 Sekunde. Dann

  • ermöglicht dir ein ND0.9 aufgrund seines Verlängerungsfaktors von 8 eine Belichtungszeit von 0.8s
  • mit einem ND1.8 kannst du schon 6 Sekunden (abgerundet) belichten
  • und mit einem ND3 sogar ganze 100 Sekunden, also bereits länger als eine Minute!

Für die korrekte Belichtungszeit bei Einsatz eines Graufilters wird also die Belichtungszeit, die ohne Filter notwendig wäre, mit dem Verlängerungsfaktor multipliziert. Die Rechnerei kannst du natürlich selber übernehmen oder auch diverse Apps dafür nutzen, ein Smartphone hat schließlich jeder meistens dabei. Willst du dich nicht nur auf die Technik verlassen (die Sache mit dem Handyakku und so), dann kannst du dir gängige Belichtungszeiten im Vorhinein ausrechnen und ausgedruckt immer dabei haben.

Zusätzlich zu dieser ganzen Theorie gehört natürlich auch immer Übung und Gespür dazu, die für eine Aufnahme richtige Belichtungszeit zu finden. Licht verändert sich laufend (z.B. weil die Sonne aufgeht) und darauf solltest du reagieren können und die Belichtungszeit dementsprechend auch einmal kürzer oder länger wählen, als du es im Vorhinein ausgerechnet hast.

Was du sonst noch für Langzeitbelichtungen brauchst

Um zwei weitere Dinge wirst du bei Langzeitbelichtungen nicht herumkommen:

  • Fernauslöser
  • stabiles Stativ

Belichtungszeiten bis 30s können bei so gut wie allen Kameras direkt erfasst werden. Für alles darüber benötigst du einen Fernauslöser. (Soweit ich weiß, hat es bisher nur ein Kamerahersteller geschafft, die Software so zu erweitern, dass Zeiten größer 30s ohne Fernauslöser möglich sind. Warum ist mir ein Rätsel, wo moderne Kameras mittlerweile mehr Funktionen haben als früher jede High-End-Rechner…) Es gibt Funk/Infrarotfernauslöser und solche die direkt mittels Kabel (die nennen sich, Überraschung: Kabelfernauslöser) an die Kamera angehängt werden. Ich habe beides. Praktischer finde ich den Infrarotfernauslöser. Ist da die Batterie leer oder funktioniert er aus einem anderen Grund nicht, dann ist der Kabelfernauslöser mein Backup (und ich war schon ziemlich oft froh, ihn dabei zu haben).

Und ein Stativ brauchst du deshalb, weil einfach niemand so ruhige Hände hat, dass eine Langzeitbelichtung aus der Hand möglich wäre. Das geht einfach nicht, nie… und darum unbedingt das Stativ mitnehmen. 🙂 Außerdem ist es eine ziemlich entschleunigende Sache Langzeitbelichtungen aufzunehmen. Fotografieren vom Stativ ist auch entschleunigend. In Summe bin ich nach so einem Tag dann ziemlich entspannt. (Früher fand ich das Stativ auch doof, so wie beinahe jeder andere Fotoanfänger auch. Schwer, sperrig, es schränkt einen ein. Mittlerweile stresst es mich richtiggehend ohne Stativ zu fotografieren und ich habe es immer mit, wenn ich die Kamera mithabe. Kein Stativ, keine Bilder.)

Motive für Langzeitbelichtungen

Ich war vier Tage in Venedig unterwegs, habe aber vermutlich kein Bild tatsächlich vier Minuten lang belichtet. Manche sehr wohl länger, viele wesentlich kürzer (aber Blogtitel zu finden ist keine leichte Übung und so klingt es einfach einprägsamer als „4 Tage, 325 Sekunden“… ;-)). Natürlich finden sich in der Lagunenstadt auch Motive, in denen Wasser keine Rolle spielt, nach denen habe ich aber nicht gesucht. Denn um in einem Foto das Gefühl einer Stadt zu vermitteln, die so stark vom Meer geprägt ist wie vermutlich keine zweite, muss das Meer einfach mit aufs Bild.

Gondeln

Gondeln und Venedig… zwei Begriffe, die untrennbar miteinander verbunden sind. Ich habe zwar keine Gondelfahrt unternommen, aber ein guter Teil meiner Aufmerksamkeit galt in diese vier Tagen diesen typisch venezianischen Booten. Jeder von uns weiß wie eine Gondel aussieht (selbst wenn du noch nicht in Venedig warst, hast du im Fernsehen sicher schon eine gesehen) und kann sie auf einem Foto „zuordnen“. Auch wenn sie langzeitbelichtet und somit nicht scharf ist.

Diese Aufnahme ist 39s belichtet, die Blende habe ich auf f11 geschlossen, damit ich eine möglichst durchgehende Schärfe erhalte. Das Wasser zeigt bei dieser Belichtungsdauer noch ein wenig Struktur und Gondeln sind trotz der Bewegung noch deutlich zu erkennen (und nicht zu einem verwischten Farbklecks geworden – das wäre dann vielleicht etwas am Ziel vorbei belichtet gewesen). Der Kontrast zwischen der statischen Architektur, dem ruhigen und glatten Wasser und den bewegten Gondeln erzeugt eine interessante Spannung im Bild.

Spiegelungen

Spiegelungen sind ein extrem spannendes Motiv, denn sie erweitern das Foto um eine Dimension und ziehen somit das Auge fast magisch an. Gerade in der Landschafts- und Architekturfotografie bieten sie eine Möglichkeit bekannte oder vielleicht auch auf den ersten Blick nicht so spannende Szenen, neu zu entdecken. Spiegelungen im Wasser funktionieren nur dann wirklich gut, wenn die Wasseroberfläche möglichst ruhig ist. Wellen zerstören die Reflexionen. Langzeitbelichtungen eignen sich perfekt, um das gewünschte zu erreichen: ruhiges, glattes Wasser.

Die Belichtungszeit war bei dem folgendem Foto mit 1 min und 39s schon wesentlich länger gewählt als bei dem Gondel-Foto. Zusätzlich haben die Faktoren „Warten, Geduld und etwas Glück“ mit reingespielt, denn es fuhr für einige Zeit keine Gondel und auch kein anderes Boot durch diesen Kanal.

Bei der nächsten Aufnahme genügten 10s um das Wasser im Kanal hinreichend zu beruhigen. Die Spiegelungen der Boote sind sehr klar, wohingegen die des Turms nicht perfekt ist, da eine leichte Wasserbewegung zu erkennen ist. Ich finde, dass manchmal solche Fotos dadurch noch interessanter werden, weil die Spiegelung eben nicht durchgehend perfekt ist.

Minimalismus

Eliminierst du durch lange Belichtungszeiten sämtliche (oder zumindest einen großen Teil) der Wellen, dann erzeugt das einen sehr aufgeräumten Bildeindruck. Wie lang die Belichtungszeit tatsächlich sein muss, hängt von den vorhandenen Wellen ab. Gibts davon sowieso schon nicht so viele, dann kannst du kürzer belichten als wenn das Wasser sehr unruhig ist. Finden sich zusätzlich am Himmel keine Wolken oder eine so dichte Wolkendecke, dass auch keine Bewegung mehr ersichtlich ist, dann verstärkt das diesen Eindruck noch. Der Blick des Betrachters wird auf dein ausgewähltes Motiv gelenkt. Und eine Ablenkung davon gibt es nicht, zumindest nicht aufgrund spannender Wolkenformationen oder des unruhigen Gewässers.

Da es bei der folgenden Aufnahme beinahe keinen Wellengang gab, genügte eine Belichtungszeit von 25s, um eine völlig glatte Wasserfläche zu erzeugen.

Im Vergleich dazu habe ich das nächste Foto 5 min 25s (wer sich noch an meinen kurzen Exkurs zu den Blogtiteln erinnert, das sind genau 325s) belichtet, da eine der größeren Fähren für starke Wellen gesorgt hatte.

Bei beiden Bildern habe ich Brennweiten im leichten Telebereich (75mm und 83 mm) verwendet, um den Bildeindruck noch stärker zu fokussieren und meine Motive von der Umgebung freizustellen.

Noch ein paar Infos zum Schluss

Ich war in diesen vier Tagen mit dem großartigen Fotografen Ronny Behnert unterwegs, einen Workshop bei ihm oder auch sein Buch über Langzeitbelichtungen kann ich auf alle Fälle jedem ans Herz legen.

Keine Stadt hat mehr Seele, mehr Gefühl als Venedig und ich vermisse es (eigentlich neige ich nicht wirklich zu Fernweh, aber diese Stadt hat es mir angetan)! Das Wasser, die Nähe zum Meer und der Charm, die Geschichte vieler vieler Jahrzehnte und Jahrhunderte, erzeugen eine Atmosphäre, die es kein zweites Mal gibt. Meine kurze fotografische Reise durch „La Serenissima“ hat meine Begeisterung für Stadtlandschaften eindeutig geweckt (vielleicht auch nur für diese eine Stadt, aber das wäre schon ok). Ich hoffe, dass heuer im Herbst wieder ein Besuch möglich sein wird und auch für 2022 ist schon einer geplant. Diesbezüglich kommt hier also sicher nochmal was!

In meiner Galerie finden sich noch weitere Aufnahmen, bitte gerne durchklicken!

2 Comments

  1. Sehr schöne Motive, genial eingegangen. Venedig ist schon eine geniale Stadt die viele schöne Motive bietet. Leider meist von Touristen belagert.

    • schADMIN

      Hallo Florian, danke dir! Venedig ist wirklich wunderschön & das sehen halt leider auch zu viele andere so. 😉 Trotzdem: sobald es wieder einigermaßen einfach möglich ist, möchte ich gerne hin. Zum Glück reise ich da immer etwas gegen den Strom und plane Besuche dort eher in der kalten Jahrszeit. LG, Nadine

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